Viele Hausbesitzer kennen die Situation: Das Dach zeigt nach Norden oder zumindest teilweise nach Norden – und sofort fragt man sich: „Lohnt sich eine Photovoltaikanlage überhaupt auf der Nordseite?“
Die kurze Antwort lautet:
👉 Ja, in vielen Fällen lohnt es sich – aber mit Einschränkungen.
Moderne PV-Module haben die Nordseite heute viel attraktiver gemacht als noch vor 5–10 Jahren. Dennoch gibt es Besonderheiten, die du kennen musst, um eine richtige Entscheidung zu treffen.
Dieser Artikel zeigt dir:
- wie viel Ertrag ein Norddach wirklich bringt
- was mit modernen Modulen möglich ist
- wie groß die Unterschiede zur Südausrichtung sind
- welche Lösungen besonders wirtschaftlich sind
- echte Beispiele aus der Praxis
1. Warum Norddächer lange als „ungeeignet“ galten
Früher waren Solarmodule:
- weniger lichtempfindlich
- schadensanfälliger bei diffusem Licht
- stark abhängig von direkter Sonneneinstrahlung
Ein Norddach bekam kaum direkte Sonne → also kaum Ertrag.
Heute hat sich das geändert:
- Module haben viel höhere Wirkungsgrade
- diffuse Strahlung wird besser genutzt
- Glas-Glas-Module reagieren homogener
- bifaziale Module nutzen auch Rückseitenlicht
- Wechselrichter können Teilerträge besser verarbeiten
Ein Norddach produziert natürlich weniger, aber oft mehr als genug, um wirtschaftlich zu sein.
2. Wie viel Ertrag liefert eine PV-Anlage auf der Nordseite?
Bei typischen Einfamilienhäusern:
👉 Norddach: ca. 60–85 % des Ertrags eines Süddachs
Grobe Orientierung:
|
Dachausrichtung |
Ertrag vs. Süd |
Bewertung |
|
Süd |
100 % |
optimal |
|
Ost/West |
90–95 % |
sehr gut |
|
Nordwest / Nordost |
70–85 % |
gut |
|
Nord (rein) |
60–75 % |
möglich, mit Abstrichen |
Entscheidend ist die Dachneigung:
- flache Norddächer (10–25°) bekommen deutlich mehr diffuses Licht → höherer Ertrag
- steile Norddächer (40–60°) bekommen weniger → größerer Verlust
3. Beispiel aus der Praxis – Norddach vs. Süddach
Ein Einfamilienhaus:
- 6.000 kWh Verbrauch
- zwei Dachseiten: Süd 30° und Nord 30°
- Module: 400 W monokristallin
- Standort: Bayern
Süddach (30°)
→ ca. 1.050–1.100 kWh/kWp Jahresertrag
→ 10 kWp = ~10.500 kWh
Norddach (30°)
→ ca. 750–850 kWh/kWp
→ 10 kWp = ~8.000 kWh
Unterschied:
ca. 20–25 % weniger Ertrag
💡 ABER:
Die Anlage auf der Nordseite lohnt sich trotzdem, weil der Strompreis hoch ist und Module günstig sind.
4. Wann lohnt sich eine PV-Anlage auf der Nordseite besonders?
✔ wenn die Dachneigung flach ist (10–30°)
→ ideal für diffuses Licht
→ überraschend guter Jahresertrag
✔ wenn Ost/West/Süd bereits belegt sind
→ zusätzliche Fläche bringt zusätzlichen Strom
→ oft günstiger als Speichervergrößerung
✔ wenn moderne Module verwendet werden
- Glas-Glas
- Bifazial
- 430–460 W monokristallin
Diese holen deutlich besser aus schlechten Einstrahlwinkeln Energie.
✔ bei hohen Strompreisen & viel Eigenverbrauch
→ jeder erzeugte kWh ist bares Geld
✔ wenn Carport / Garage / Gartenfläche nicht verfügbar sind
Nordseite ist oft besser als gar keine PV.
5. Wann lohnt sie sich eher nicht?
❌ Steile Norddächer 45–60°
→ niedriger Winterertrag
→ geringeres Potenzial
❌ starke Verschattung
→ Nord + Schatten = sehr schwach
❌ wenn andere Flächen viel besser wären
z. B.:
- Carport
- Garage
- Flachdach mit Aufständerung
- Gartenbereich (Freifläche)
Alternative Flächen haben Vorrang.
6. Wie kann man Verluste auf Norddächern ausgleichen?
Hier kommen die Profi-Methoden:
✔ Größere Modulfläche (Überdimensionierung)
Statt 7 kWp → einfach 9 kWp installieren.
Modulpreise klein → amortisiert sich schnell.
✔ Hochleistungsmodule
430–500 W bringen bei Schwachlicht deutlich mehr.
✔ Bifaziale Module
Rückseitenreflexion erhöht Ertrag v. a. auf hellen Fassaden.
✔ Wechselrichter optimal auslegen
Wechselrichter nicht unterdimensionieren → Nordseite hat weniger Spitzenleistung, aber mehr Jahresstreuung.
✔ Saubere Modulreinigung
Norddächer verschmutzen stärker.
Regelmäßig reinigen = +5–10 % Ertrag.
7. Besonderheit: Kombination Süd + Nord
Wenn dein Dach zwei Seiten hat, ist eine Kombination extrem intelligent:
- Südseite liefert hohe Mittagsspitzen
- Nordseite liefert früh & spät (diffus)
→ ergibt ein sehr stabiles Tagesprofil
→ erhöht Eigenverbrauch
→ wirtschaftlich oft extrem stark
Viele Hausbesitzer nutzen genau das — statt Speicher überdimensionieren.
8. Beispiel: Wirtschaftlichkeit einer Norddach-PV
Beispiel:
- Norddach 30°
- 8 kWp
- Jahresertrag ca. 6.200 kWh
- Investition 12.000 €
- Eigennutzung 35 %
- Rest Einspeisevergütung
→ Amortisation: 8–12 Jahre
→ also absolut wirtschaftlich!
9. Fazit: Norddächer sind besser als ihr Ruf
Eine PV-Anlage auf der Nordseite ist nicht ideal – das stimmt.
Aber moderne Solartechnik hat den Unterschied dramatisch verkleinert.
Wichtigste Erkenntnisse:
- Ein Norddach bringt 60–85 % eines Süddachs
- Flache Norddächer liefern starke Werte
- Moderne Module gleichen viel aus
- Wirtschaftlich ist es oft trotzdem sehr attraktiv
- Alternativflächen (Carport, Garage) prüfen
- Kombination Süd+Nord ist extrem stark
Kurz gesagt:
👉 Wenn die Süd-/Ost-/West-Seite fehlt oder belegt ist, lohnt sich auch die Nordseite in vielen Fällen.